Wieviel Feuerwehr braucht Deutschland? – Teil 2

Im ersten Teil haben wir uns ja schon grundsätzlich Gedanken gemacht was an eine Feuerwehr für Ziele gestellt werden und welche Auswirkungen das auf den Einsatzradius der Feuerwachen bzw. Gerätehäuser hat. Jetzt gehts ans Eignemachte und wir rechnen aus, wie viel Personal notwendig ist und wie hoch die Kosten für die unterschiedlichen Systeme entstehen.

Noch mal zur Erinnerung, das hier sind die Feuerwehrsysteme, die wir uns genauer ansehen:

  • System 1: Komplett hauptamtliches System
  • System 2: Komplett ehrenamtliches System
  • System 3: Gemischtes System aus Hauptamt und Ehrenamt
  • System 4: Hauptamtliches System, stark unter den AGBF Vorgaben

Noch ein kurzer Hinweis. Ein solche Rechnung kann niemals die komplexe echte Welt darstellen und muss auch nicht bis auf den letzten Cent stimmen. Sie dient erstmal dazu, um ein Gefühl zu bekommen in welchen Größenordnungen man sich bewegt. Im nächsten Schritt kann man dann bei den großen Abweichungen nachforschen und schauen woran das liegt.

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Wie viele Feuerwachen und Personal brauchen wir in der Fläche?

Kleine hauptamtliche Wachen mit kurzen Eintreffzeiten. Das System in Queensland in Australien.

Kleine hauptamtliche Wachen mit kurzen Eintreffzeiten. Das System in Queensland in Australien.

Ich geh jetzt die Rechnung einmal am hauptamtlichen System (System 1) durch, der Weg ist aber für die anderen drei Feuerwehrsysteme gleich.

Deutschland hat eine Fläche von fast 350.000 km², somit benötigen wir bei einem Einsatzbereich von 156,3 km² pro Feuerwache, insgesamt 2.232 Wachen um die Landflächen abzudecken. Zusätzlich kommen nach die Staffelwachen hinzu um den Löschzug zu vervollständigen. Hierfür benötigen wir nur 804 Feuerwachen da Eintreffzeiten höher sein können und somit auch die Fahrzeiten länger sind. Um die Wachen 24 Stunden zu besetzen nehmen wir einen Personalfaktor von fünf an. Sprich, um eine Stelle im Ausrückedienst zu besetzen, benötigen wir fünf Personen die diese Funktion abwechseln ausführen. Da ja kein Beamter 365 Tage durch arbeiten kann und auch Urlaube und Freischichten anstehen, kommt man auf diesen Wert. Somit brauchen wir für einen Löschzug in der Fläche 3.036 Feuerwachen mit 135.713 hauptberufliche Feuerwehrkollegen.

Wie viele Feuerwachen und Personal brauchen wir in den Städten?

Zimmerbrand mit 1 LF und 1 DLK, Standard in Madrid.

Zimmerbrand mit 1 LF und 1 DLK, Standard in Madrid.

Kommen wir mit unserer Flächenberechnung auf dem Land ganz gut hin, wirds in Städten so kaum realisierbar sein. Hier ist einfach die Einsatzbelastung so hoch, dass wir mit unserem Personalbedarf den wir in der Fläche haben, nicht hin kommen. Aus diesem Grund bekommen deutsche Städte ab 50.000 Einwohner, pro 50.000 Einwohner, nochmal eine Löschgruppe als Verstärkung hinzu. Bei  knapp 32 Mio. Einwohnern die in Städten über 50.000 Einwohnern wohnen, macht das 653 Löschgruppen mit zusätzlich  29.389 berufsmäßigen Feuerwehrlern.

Personalkosten und sonstige Kosten?

Im System 1 mit hauptberuflichen Kräften benötigen wir somit 162.102 Einsatzkräfte um sowohl in der Fläche als auch verstärkt in den Städten, die Einsätze abzuarbeiten. Wenn wir pro Feuerwehrler durchschnittliche pro Jahr € 55.000 in die Hand nehmen müssen, kommt man pro Jahr für Deutschland auf € 9 Mrd. Personalkosten. Alle weiteren Kosten (Gebäude, Fahrzeuge, Verbauchmaterial, Einsatzkleidung) setze ich mit 10% von den Personalkosten an. Da wir im ehrenamtlichen Bereich mit keinen Personalkosten rechnem, nehme man am besten als Wert für die sonstigen Kosten pro Jahr und Mann € 5.500 sonstigen Kosten an. Dies entspricht den sonstigen Kosten pro Mann und Nase im hauptamtlichen Bereich.

Alle vier Systeme im Vergleich

So und jetzt rechnen wir mal alle vier Systeme durch um zu sehen wo wir personal- und kostenmäßig landen. Um ein Gefühl zu bekommen wie es derzeit in Deutschland aussieht habe ich Euch hier mal die aktuellen Werte als Vergleich raus gesucht:

  • Kosten für das deutsche Feuerwehrwesen: geschätzt € 4.000.000.000 (Quelle, Seite 3)
  • Anzahl hauptberuflicher Feuerwehrleute: 27.371 (Quelle)
  • Anzahl ehrenamtlicher Feuerwehrleute: 1.041.978 (Quelle)
  • Berufsfeuerwehren: 101 (Quelle)
  • Freiwillige Feuerwehren: 24.320 (Quelle)

Aufgrund der längerer Ausrückezeiten und somit auch kleineren Einsatzgebieten, benötigt ein ehrenamtliches System immer mehr Kräfte als ein hauptamtliches Feuerwehrsystem. Dennoch haben wir derzeit in Deutschland trotz zurückgehender Mitgliedszahlen, fast doppelt so viele Ehrenamtliche wie für eine Zielerreichung nach AGBF notwendig wäre.

Wenig überraschend ist ein reines hauptamtliches System auf Basis der AGBF Werte in Deutschland kaum finanzierbar, denn es wären mehr als zweieinhalb mal so hohe Ausgaben notwendig wie derzeit. Ein rein hauptberufliches System auf Basis von Staffeln (System 4) wäre mit 50% Mehrkosten gegenüber den jetzigen Ausgaben realisierbar, allerdings mit massiven Einschnitten beim Personal. So wäre außerhalb von größeren Städten alle 12,5 Kilometer eine Feuerwache mit sechs Einsatzkräfte stationiert, die größtenteils die Einsätze eigenständig abwickeln müssten.

Und hier noch mal alle vier System im Detail:

System 1: Komplett hauptamtliches System

Dieses System wird so wohl nie in Deutschland existieren da die Kosten zu hoch sind. So müsste man das momentane Budget auf das 2,5 fache erhöhen um die Forderungen der AGBF zu erfüllen. Hierbei sind aber Aufgaben wie Rettungsdienst, Katastrofenschutz, Sondereinheiten/-fahrzeuge noch gar nicht berücksichtigt. Auch gibt es nach meinem Kenntnisstand kein Land, das mit hauptamtlichen Kräften in der Fläche  mit so viel Manpower fährt.

System 2: Komplett ehrenamtliches System

Auch dieses Feuerwehrsystem wird so niemals realisierbar sein, denn gerade in Städten mit hohen Einsatzzahlen wird das nicht mehr nebenamtlich leistbar sein. Zudem muss man sich vor Augen halten, dass obwohl wir doppelt so viele Ehrenamtliche haben wie ausgerechnet, jetzt schon in vielen Bereichen als Freiwillige Feuerwehr an die Grenzen kommen.

System 3: Gemischtes System aus Hauptamt und Ehrenamt

Ehrenamt und Hauptamt, auch in der Therie ein sehr vielversprechendes System

Ehrenamt und Hauptamt, auch in der Theorie ein sehr vielversprechendes System

Obwohl unsere Modellrechnung recht einfach gehalten ist, kommen wir doch erstaunlich nah an die echte Zahlen heran. In der Rechnung habe ich es so gehalten, dass die Flächenabdeckung ehrenamtlich geleistet wird, und die Verstärkung in Städten ab 50.000 rein hauptamtlich realisiert ist. Damit kommen wir mit unserer theoretischen Rechnung mit nur 18% Abweichung, an die aktuellen Kosten von vier Mrd. Euro ran. Bei der Anzahl der hauptamtlichen Feuerwehrkräfte haben wir fast eine Punktlandung geschafft. Lediglich bei den notwendig ehrenamtlichen Feuerwehrlern benötigen wir auf dem Papier nur halb so viel wie derzeit notwendig. Dies hat allerdings damit zu tun, dass viele kleine Feuerwehren erheblich mehr Personal haben als notwendig ist, zum Anderen werden ja auch viele Sondereinheiten besetzt die unserer Rechnung nicht abgebildet sind. Was auch sehr Auseinandergeht, ist die Anzahl der Wachen und die Summe der Freiwilligen Feuerwehren. So bräuchte man knapp 12.000 Wachen um Deutschland zu sichern, aber in Deutschland existieren alleine schon mehr als doppelt so viele Freiwillige Feuerwehren wie Feuerwachen/Gerätehäuser.

System 4: Hauptamtliches System, stark unter den AGBF Vorgaben

Falls es wirklich dazu kommen wird, dass man langfristig keine ehrenamtlichen Kräfte mehr im Feuerwehrbereich findet, werden wir zwangsläufig auf ein hauptamtliches System zusteuern. Allerdings muss dann allen Beteiligten klar sein, dass wir weit weg von den Verhältnissen sind, die wir jetzt kennen. Da werden ein bis zwei Staffeln das höchste der Gefühle sein, was beim durchschnittlichen Brand oder Verkehrsunfall anrückt. Auch wird dann das Hauptaugenmerk auf der reinen Menschenrettung und nicht mehr auf der Sachrettung liegen. Und jetzt wird vielleicht auch klarer warum beim Großbrand in der Londoner Innenstadt nur 60 Feuerwehrkräfte anrücken, während in Deutschland auf dem platten Land, sich 200 Feuerwehrler beim Bauernhofbrand ums Feuer tummeln.

Fazit zur Modellrechnung

Mit vier Mann auf dem Erstangreifer, in vielen Ländern normal

Mit vier Mann auf dem Erstangreifer, in vielen Ländern normal

Auch wenn das deutsche Feuerwehrsystem oftmals kritisiert wird, so zeigt es doch, dass alternative Systeme (z.B. System Nummer 4) was Personal und die Kosten angeht, eine Verschlechterung darstellen. Sicherlich blenden wir in der Rechnung noch einige wichtige Themen, wie beispielsweise die Qualität der abgearbeiteten Einsätze aus,  aber dünne Personaldecken führen letzendlich auch wiederum zu einer Verschlechterung der Qualität.

Die zukünftigen Herausforderungen an die deutschen Feuerwehren werden nicht einfach und es wird spannend wie sich unser System entwickelt. Andererseits ist es aber auch ein gutes Gefühl, wenn das aktuelle System in Deutschland augenscheinlich besser ist, wie alle anderen theoretischen Konzepte die es geben könnte.

Wenn Ihr selbst noch mit den Zahlen rum spielen wollt, hier könnt Ihr Euch meine Excell Tabellen herunter laden:

Download: Wie viel Feuerwehr braucht Deutschland – feuerwehrleben.de.zip (74 KB)

Was ist Eure Meinung zu der Modellrechnung und der aktuellen Feuerwehrsituation in Deutschland?

12 Kommentare zu Wieviel Feuerwehr braucht Deutschland? – Teil 2

  1. RESPEKT!!

    Gerade in Zeiten, in denen eine freiwillige Feuerwehr immer wieder gerne als teure Spaßtruppe angesehen und nach einem System mit hauptamtlichen Kräften (oder FALCK) gerufen wird, finde ich die beiden Artikel – insbesondere die Modellrechnung – echt super!

    Danke

  2. Toller Artikel =)
    Den sollten sich die Damen und Herren mal durch den Kopf gehen lassen, die den Feuerwehren immer mehr die Gelder streichen und kürzen. Angesichts dieser Zahlen sollten sie sich mal überlegen, ob sie das gemischte System wirklich immer mehr kaputt sparen wollen. Vll wäre es dann doch besser, wenn sie zwangsläufig zur Verhinderung eines Verfalls des bestehenden Systems nicht doch wieder mehr Geld zur Verfügung stellen sollten und dadurch immernoch viel Geld einsparen.

  3. Ein sehr schöner Artikel!

    Ich finde die Idee (oder das Gedankenspiel) ist mal ganz gut, um zu sehen was möglich ist. Mann kann ja auch festellen, dass wir scon ein recht Bürger-orientiertes Feuerwehrwesen haben, und ich finde dabei sollte es bleiben. Dafür sprechen die Faktoren Qualität und Schnelligkeit!

    Eine Frage hätte ich aber: Machst du bei dem System 2 nicht den Fehler, dass du davon ausgehst das alle ehrenamtlichen immer bereit sind?

    Das ist meiner Meinung nach auch ein Grund dafür das bei den freiwilligen mehr Leute vorhanden sein müssen.

    Gut ist aber, dass sich überhaupt mal jemand Gedanken zu dieser Thematik macht – und das auch ganz sachlich.

    Grüße

  4. Hallo Ole,

    danke für Dein positives Feedback.

    Bei dem ehrenamtlichen System nehme ich einen Personalfaktor von 5 an. D.h. ich brauch pro einsatzfähigen Feuerwehrmann fünf ehrenamtliche Kräfte. Onder anders herum gesagt, von 50 alarmierten Feuerwehrlern, kommten 10.

    Schöne Grüße

    Florian

  5. Hallo Zusammen,

    ich finde beide Artikel äußerst lesenswert.
    Allerdings verstehe ich den Aufbau der Feuerwehr in Deutschland nicht so ganz.
    Es gibt zwar über 24.000 Freiwillige Feuerwehren, aber keine genaue Anzahl wie viele davon mit hauptamtlichen Kräften ausgestattet sind.
    Zudem hat NRW ca. 100 dieser Modelle, in Niedersachsen ist es gesetzlich nicht vorgesehen :-/
    Alles etwas verwirrend…

    LG
    Chris

  6. Wow. Erstmal Respekt!
    Sich die Zeit zu nehmen, sowas zu recharchiern bedarf einem echte Interesse. ich finde es gut, das sich jemand mal die Mühe macht, eine Gegenüberstellung zu erstellen. Ich will hier nicht alles wiederholen was schon gesagt wurde, aber gute Arbeit. Sollte mal den Leuten, die nicht viel mit Feuerwehr zu tun haben vor Augen geführt werden, das die Feuerwehr wieder an ernsthaftigkeit gewinnt.

    danke

    Jonas

  7. Wow

    Erstmal einen dicken Respekt. Ich finde es schon gut, das es jemanden gibt, der sich mit der Materie befasst. Ich will hier gar nicht sovie sagen, ich wiederhole eh alles.
    Danke für den Interessanten Beitrag, vielleicht machst du ja noch mehr.

    Greez

    Jonas

  8. Hi, ich lebe auf dem flachen Land, von 50 alarmierten Kameraden sind vormittags nur 5 in der Lage, zum Gerätehaus zu eilen, dafür sind es abends und nachts mehr, das Verhältnis 1:10 ist ein guter Durchschnitt. Ansonsten ein Klasse Artikel, Respekt und Mütze ab

  9. Oldie-Feuerwehrler // 26. Dezember 2012 um 21:06 // Antworten

    Hallo Florian,
    Meine Hochachtung über den Beitrag, bin selbst ein Oldie-Feuerwehrler. Aber wäre wenn wir schon soweit denken nicht eine Fusion z.B. mit den THW möglich. Ja ich weiß…….. , aber dem Verletzten ist es egal ob er von Rot, Gelb, Grün oder Blau oder so gerettet wird. Ich weiß auch es sind verschieden Strukturen, Aufgaben und Töpfe aus denen die Organisationen finanziert werden. Ich sehe es halt auf der untersten Ebene, der am „Kunden“. Es kommt z.B. die Feuerwehr hat einen Rettungssatz an Bord, das THW kommt z.B. zur Verkehrsabsicherung hat einen Rettungssatz an Bord usw. Anders sieht es in der Führungsriegen aus. Hier sind Hauptamtliche Beschäftigt deren Arbeitsplatz dann im einfachsten Falle doppelt Besetzt ist und jeder um seine Arbeitsplatz fürchtet. Ist nur so ein Gedankenansatz und wird nie eintreffen!

    Schöne Grüße aus Franken

  10. Hallo Florian,
    auch von mir ein „super gemacht!“ Auch die Exel-Tabellen sind perfekt, sie öffnen einem echt die Augen. Erschreckend, was sich da ergibt, wenn man mal mit den Daten der eigenen Samtgemeinde anstelle der ganzen BRD ergibt… Die Daten zeigen auf jeden Fall die Notwendigkeit einer Brandschutzbedarfsplanung…

  11. Würde gern mit Dir in Kontakt treten. Gruß Erich

  12. Ist aber ein rein theoretischer Beitrag.
    Beispiel: durch das ehrenamtliche System wird in jedem Dorf eine Feuerwehr vorgehalten. Also Gebäude, Fahrzeuge, Ausrüstung, Kleidung für jeden, Ausbildung.

    Bei reinem hauptamtlichem System hätte man weitaus weniger Wachen, Fahrzeuge, weniger benötigte Lehrgänge, Kleidung…

    Meiner Meinung nach wird es sich nicht vermeiden lassen das mehr hauptamtliches Personal auch in ländlichen Gegenden eingestellt wird da der Verwaltungsaufwand, Ausbildung und weniger verfügbares Personal am Tag keine andere Wahl lassen.
    Dies wird dann natürlich hauptsächlich tagsüber/unter der Woche auf 40 Stunden Basis arbeiten.
    Wochenende und Feierabend, Feiertag wird weiterhin über ehrenamtliche abgedeckt werden.

    Ob vll. auch Firmen wie Falck in den Brandschutz einsteigen wird die Zukunft und die weitere Entwicklung in der Feuerwehr zeigen.

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  1. Wieviel Feuerwehr braucht Deutschland? | feuerwehrleben.de

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