Die RescueDays Teil 3 – Die Kettenrettung bei Verkehrsunfällen und der Umgang mit Busunfällen

ketten-methode-skandinavien-teaserIm dritten und letzten Teil unserer Berichterstattung über die RescueDays 2014 möchten wir euch die Station „Kettenrettung“ vorstellen und euch einige Tipps und Hinweise zum Umgang mit Busunfällen geben.

ketten-methode-skandinavien-3Dieses Jahr zum ersten Mal angeboten im Rahmen des Rescue Day Plus: die Praxisstation „Kettenrettung“. Die Kettenrettung an sich ist nichts Neues und wurde auch schon in Deutschland praktiziert. Mit dem Einzug der hydraulischen Rettungsgeräte in die Unfallrettung geriet diese Methode allerdings vermehrt in den Hintergrund. Grund hierfür ist, dass die Kontrolle und Sicherheit bei hydraulischen Rettungsgeräten höher ist, insbesondere wenn man diese nicht so häufig einsetzt.

Besonders in den skandinavischen Ländern, erlebt diese Technik allerding wieder einen Aufschwung. Das Ziel der Kettenrettung ist das Gleiche, wie beim Einsatz von hydraulischen Spreizgeräten: die Einklemmung des Patienten aufgrund von verformten und verschobenen Fahrzeugteilen zu beseitigen. Bei der Kettenrettung werden die Fahrzeugteile vom Patienten weggezogen während bei den hydraulischen Spreizgeräten die Fahrzeugteile weggedrückt werden.

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Die Kettenmethode beim Seitenaufprall

ketten-methode-skandinavien-4Im ersten Stationsteil ging es darum, mittels Ketten die seitliche Einklemmung des Fahrers nach einem Seitenaufprall zu beseitigen. Zunächst wurde das Fahrzeug an einem Festpunkt angeschlagen.

Als Festpunkt diente ein Traktor, vom dem aus eine Endlosschlinge in Richtung Fahrzeug ging und an deren Ende ein Schäkel eingebaut wurde. An diesem Schäkel wurden die beiden Ketten vom Unfallfahrzeug aus kommend angeschlagen. Am Unfallfahrzeug selbst wurden die Ketten an der A- und C-Säule angeschlagen, wobei die Längen der Ketten angepasst werden mussten, damit das Fahrzeug beim Ziehen in seiner Position bleibt. Auch wurde darauf geachtet, dass die ketten-methode-skandinavien-5Anschlagpunkte der Ketten möglichst nahe an verstärkten Punkten gewählt wurden um eine ideale Kraftaufnahme zu erzielen. Die Festseite, die Verbindung zwischen Unfallfahrzeug und Festpunkt, bildete somit die Form eines Y. Im Weiteren wurde nun die Zugseite aufgebaut: Dazu wurde eine Kette an der stärksten Verformung angeschlagen, um diese möglichst vollständig zu beseitigen. In dem beschrieben Seitenaufprallszenario war dies die B-Säule. Diese Kette wurde mittels Schäkel an das Seil der mechanischen Zugeinrichtung angeschlagen und bildete einen einfachen Zug. Nachdem die Lage nun entsprechend vorbereitet war ging es ans Ziehen. Dabei wurden die deformierten Fahrzeugteile nur soweit gezogen bis der Fahrer entklemmt war, so wird das Gefahrenpotential möglichst gering gehalten.

Aufgabe 2: Fahrzeug drehen

Die zweketten-methode-skandinavien-6ite Aufgabe bestand nun daraus, das Fahrzeug aus seiner Position quer zur Zugrichtung in Zugrichtung zu drehen. Auf der Festseite wurde die Y-Verbindung zu einem einfachen Zug umgebaut und an der Hinterachse auf der Fahrerseite angeschlagen. Auf der Zugseite musste nur der Anschlagpunkt gewechselt werden. Dafür wurde die Vorderachse auf der Beifahrerseite ausgewählt. Zur Erleichterung der Drehung wurde unter die sich bewegenden Räder Ölbindemittel gestreut mit dem Hintergrund, die Reibung zu minimieren.

Die Kettenmethode beim Seitenaufprall

Die Beseitigung der Einklemmung des Fahrers durch den Vorderbau war die letzte Stationsaufgabe. Der Vorderbau sollte durch einen Y-förmigen Zug, angeschlagen an den A-Säulen des Fahrzeuges auf Höhe der Motorhaube, vom Fahrer weggezogen werden. Um die aufzubringende Kraft möglichst gering zu halten wurden die A-Säulen möglichst nahe am Dach durchtrennt und die Vordertüren schlossseitig geöffnet. Auf der Festseite wurde ebenfalls eine Y-förmige Verbindung geschaffen, die an den D-Säulen des Fahrzeuges angeschlagen war. Auch hier wurde der Vorderbau nur soweit gezogen, bis der Fahrer entklemmt war.

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Man konnt hier sehen, dass die Fahrzeugteile sehr leicht durch das Ziehen mit Winde und Ketten bewegt wurden. Allerdings ist bei der Kettenrettung einiges zu beachten: Zunächst muss ausreichend Platz vorhanden sein, um ein solches Zugsystem aufbauen zu können. Auch das Vorhalten der richtigen Einsatzmittel ist von großer Bedeutung. Ketten, Stahlseile und Anschlagmittel müssen für die entsprechenden Belastungen ausgelegt sein.

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Darüber hinaus spielt die Qualifikation der Einsatzkräfte eine große Rolle. Es müssen Überlegungen über die benötigten Zugkräfte angestellt werden. Ebenso gilt es sichere und stabile Anschlagspunkte zu finden und die Vor- und Nachteile der verschiedenen Anschlagmittel zu kennen und abzuwägen. Die Bedienung der mechanischen Zugeinrichtung muss gründlich verstanden und geübt sein, um ein sicheres und effizientes Arbeiten zu garantieren.

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Don’t try this (einfach so) at home

Nur um eins Klarzustellen: Die Kettenmethode ist in Deutschland sehr umstritten und soll jetzt nicht das neue Standardvorgehen beim Verkehrsunfall sein. Auch wir selbst sehen einige Nachteile in der Methode, insbesondere was die Kontrolle des Fahrzeugs und den Ausbildungsaufwand angeht. Zudem muss man sehen, dass die Skandinavischen Länder was Eintreffzeiten und Manpower angeht ganz andere Voraussetzungen wie hier in Deutschland haben. Trotzdem finden wir es wichtig die Methode möglichst vorzustellen damit sich jeder selbst ein Bild von den Vor- und Nachteilen machen kann. Wenn man das dann selbst probieren möchte, gilt es natürlich sich zuvor ausgiebig über die Methode zu informieren und die notwendigen Standards zu beachten wie beispielsweise Sicherheitsradien, geeignete Zugvorrichtungen, etc.

Busrettung, möglichst einfach

ketten-methode-skandinavien-1Noch relativ jung sind die Fernbuslinien in Deutschland, erfreuen sich allerdings bei ihren Fahrgästen immer größerer Beliebtheit und somit vergeht kaum eine Fahrt auf der Autobahn ohne einen der unzähligen Fernbusse gesehen zu haben. Aber nicht nur die steigende Anzahl an Bussen im Fernliniennetz sondern auch die vielen städtischen Busse im öffentlichen Personennahverkehr machen das Thema der Busrettung interessant.

Wir möchten euch nun ein paar Tipps und Tricks mit an die Hand geben, die ohne den Einsatz von schwerem technischem Gerät auskommen.

Verwendung von vorhandenen Hilfsmitteln: Wie aus der PKW- und LKW-Rettung bekannt, solltet ihr euch auch bei Einsätzen an Bussen die schon vorhandene Infrastruktur zu nutzen machen. Durch Batteriemanagement könnt ihr weiterhin im Bus das Licht benutzen und die Sitzheizung des Fahrersitzes kann zu dessen Wärmeerhalt genutzt werden. Ebenso kann die Klimaanlage beziehungsweise die Heizung genutzt werden. Auch die Verwendung des Mikrofons und des Lautsprechers für Ansagen kann hilfreich sein. Das Öffnen und Schließen der Türen kann weiterhin erfolgen, insofern die nötigen Versorger wie Strom und Druckluft noch in Betrieb sind.

Eine Vielzahl von Bussen verfügen über Luftfederungen und Kneeling-Funktionen, mit denen das Absenken und Neigen des Busses für den Fahrgastzustieg erleichter werden kann. Diese Funktionen können ebenfalls im Einsatz verwendet werden, beispielsweise wenn eine Person unter dem Bus eingeklemmt ist. Dabei sollte jedoch die Bedienung durch eine qualifizierte Person erfolgen. Der Fahrer, der an dem Unfall beteiligt ist, sollte dabei nicht zum Einsatz kommen. Im städtischen Gebiet bietet es sich an, einen anderen Busfahrer mit dieser Aufgabe zu betrauen.

Ein weiteres Hilfsmittel bei Stadtbussen ist die Verwendung der ausklappbaren Auffahrrampe für Rollstuhlfahrer und Kinderwagen. Mit dem Ausklappen dieser Rampe fällt die Stufe in den Bus weg und das Verletzungsrisiko bei der Menschenrettung wird minimiert. Die Seiten- und Heckfenster der Busse sind häufig schon als Notausstiege markiert und auch mit entsprechenden Werkzeugen zum Entglasen versehen. Die dadurch entstehenden Öffnungen sind ideal zur Menschenrettung und deren Schaffung ist mit minimalen Zeit- und Arbeitsaufwand verbunden. Die Frontscheibe ist jedoch mit Vorsicht zu genießen, da diese sehr schwer ist und häufig ein tragendes Element innerhalb des Busses ist. Beim Entglasen von Reisebusfenster kann man die Vorhänge nutzen, um das gebrochene Glas nach außen zu drücken.

ketten-methode-skandinavien-2Hinter den Gepäck- und Wartungsklappen der Busse finden sich in der Regel für den Einsatz bedeutsame Gegenstände wie Betriebsmitteltanks, Zugangsmöglichkeiten, Batterien oder Türöffnungsschalter. Bei der Erkundung dieser Klappen empfiehlt es sich, diese nach der Erkundung von außen zu beschriften. Dadurch kann jede Einsatzkraft erkennen, was sich hinter dieser Klappe verbirgt und es muss nicht nochmals erkundet werden. Das Öffnen einer Klappe kann durch eine geöffnete Bustüre verhindert sein. Ist die Klappe dann beschriftet kann die Einsatzkraft erkennen ob dahinter relevante Gegenstände sind oder nicht.

ketten-methode-skandinavien-19Zur Rettung der Insassen bieten sich Spineboards an. Diese sind schmal, leicht und können über die Sitze hinweg geschoben werden, da häufig der Platz im Gang nicht ausreicht. Des Weiteren reduziert sich bei dieser Methode die Belastungen der Einsatzkräfte. Die Spineboards mit Patienten lassen sich auch bei einem auf der Seite liegenden Bus über die Seitenteile der Sitze schieben.

Zum Schluss noch ein Tipp zur Betreuung von Kindern. Viele Feuerwehren und Rettungsdienste haben auf ihren Fahrzeugen Kuscheltiere oder ähnliches verlastet um Kinder abzulenken und zu betreuen. Hat man so etwas nicht dabei oder sind es zu viele Kinder die betreut werden müssen, beispielsweise nach einem Schulbusunfall, so kann ganz einfach aus Einweghandschuhen und ein paar Stiften, provisorisches Spielzeug gebastelt werden. Dazu einfach den Handschuh aufblasen und zuknoten. Anschließend können die Kinder mit einem Stift Gesichter auf die Handschuhe malen und damit spielen.

An dieser Stelle noch ein herzliches Dankeschön an die Firma Weber Rescue Systems und die Feuerwehr Heitersheim für die gelungenen RescueDays 2014.

1 Kommentar zu Die RescueDays Teil 3 – Die Kettenrettung bei Verkehrsunfällen und der Umgang mit Busunfällen

  1. Hallo,

    es ist wieder einmal Schade, dass eine „neue“ oder auch vielleicht „alte“ Rettungsmethode in Deutschland schlecht geredet wird. Klar soll die Kettenmethode (egal ob Oslo-, Norweger- oder Schweden Methode)genannt nicht als Standart bei jedem VU eingesetzt werden. Hier haben wieder einige Personen nichts verstanden oder gelernt. Es heißt ja auch deshalb Methode und nicht Standart! Sehen wir es als eine in einem Werkzeugkasten hinterlegtes Tool einen verunfallten Fahrzeuginsassen zu befreien. Es gibt durchaus berechtigte Gründe, warum die Skandinavier sich eine solche Methode ausgedacht haben und diese verfolgen. Hier ist Norwegen uns um Lichtjahre voraus! Hier werden alle Beteiligten, ob Feuerwehr, Rettungsdienst, Polizei und Verkehrsteilnehmer auf das Verhalten am Unfallort unterrichtet und geschult.
    Also, fragt nach, warum machen die das so und warum sollen wir das so machen. Denn wer hat denn gesagt, dass ein Fahrzeug nicht mehr bewegt werden darf nach einem Unfall? Wer hat gesagt, dass ein Unfallfahrzeug so zu Unterbauen ist? Alles Fragen, auf die eine wirkliche Antwort offen ist.

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