Brände richtig einschätzen und viel Nerven sparen

Wenns brennt sollte man von der Feuerwehr einen routinierten und zügigen Einsatzablauf erwarten. Die Realität sieht aber häufig anders aus, weil die Lage falsch eingeschätzt wird und Erfahrungswerte fehlen.

Viele Lagen sehen durch die Flammen dramatischer aus, als sie tatsächlich sind (Foto: Feuerwehr München)

Viele Lagen sehen durch die Flammen dramatischer aus, als sie tatsächlich sind (Foto: Feuerwehr München)

Wenn ich so an die Anfänge als Feuerwehrler zurück denke, so hat man viel Theorie gelernt, viel Praxis gemacht, aber dennoch wenig Ahnung von der Realität gehabt. Zwar hat sich das mit der Realbrandausbildung schon etwas gebessert, trotzdem ist es aber so, dass man größere Brände in unseren Gefilden erst im realen Einsatz begegnet. Und da spektakuläre Brände auch nicht jeden Tag vorkommen, ist es die ersten Jahre schwierig, ein richtiges Gefühl für größere Brände zu entwickeln. Ich rede jetzt nicht von irgendwelchen Großfeuern wo es mehr oder weniger egal ist ob das Ding brennt oder nicht. Vielmehr gehts mir um Brandeinsätze wie Zimmer- und Wohnungsbrände, wo es Ziel sein sollte, eine Ausbreitung zu verhindern.

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Jetzt ist das Problem, dass man ohne Erfahrung einen solchen Brand recht schlecht einschätzen kann. Man kommt an, die Flammen schlagen aus dem Fenster und dann soll alles ganz schnell gehen. Und dieses „ganz schnell“ ist meines Erachtens ein großer Fehler. Oft geht das nämlich zu Lasten der Sicherheit und des überlegten Handelns. Da schreit der Gruppenführer einen Einsatzbefehl um möglichst schnell irgendwas zu machen und die Mannschaft gibt Vollgas um sofort loszulegen. Da nimmt man es halt mit der Erkundung als Führungskraft nicht mehr ganz so genau, die Brandschutzhaube sitzt nicht richtig, ne Jeans als Einsatzhose tuts zur Not auch und die Atemschutzüberwachung muss jetzt halt mal hinten anstehen.

Klar, es gibt immer Einsätze wo es schwer ist, einen kühlen Kopf zu bewahren, aber bei einem Standardbrand sollte routiniertes Handeln schon eher die Regel als die Ausnahme sein. Die Frage ist jetzt halt, wie bereitet man sich auf so etwas vor? Zwei Dinge sind hier aus meiner Sicht, neben einer guten Ausbildung, wichtig. Zum einen muss man, besonders als Gruppenführer, eine zeitliche Bezugsgröße haben, wie lange bestimmte Abläufe dauern. Zum anderen muss man die Lage und die voraussichtliche Lageänderung richtig einschätzen können.

Die zeitliche Bezugsgröße: Wie lange dauert eigentlich etwas?

Auch wenn es eilig ist, die Abläufe brauchen Ihre Zeit, insbesondere wenn es in gefährliche Bereiche geht.

Auch wenn es eilig ist, die Abläufe brauchen ihre Zeit, insbesondere wenn es in gefährliche Bereiche geht.

Gute Arbeit braucht Zeit. Als Führungskraft ist es hilfreich bei Übungen einfach mal auf die Uhr zu schauen um ein Gefühl zu bekommen wie lange gewissen Abläufe dauern. Wenn man so was noch nicht gemacht hat, kann man auch einfach mal die Zeiten vom Leistungsabzeichen nehmen. Und siehe da, für einen kompletten Löschgruppenaufbau brauche ich nun halt mal meine drei bis fünf Minuten. Da kann ich mich als Gruppenführer auf den Kopf stellen oder die Mannschaft anschreien, ändern wird es aber nichts. Eher erreicht man das krasse Gegenteil. Die Mannschaft wird nervös und durch den Druck des hysterischen Gruppenführers wird zu Lasten der Sicherheit alles besonders schnell gemacht. Oder ein weiteres Beispiel: Um aus dem Stand heraus einen fertig ausgerüsteten Atemschutztrupp vor der Nase zu haben, dauert es 2 – 3 Minuten, wenn der Trupp fit ist wohlgemerkt. Es bringt also nix nach einer Minuten nach dem Trupp zu blöken, wenn es nun halt einfach mal nicht schneller geht.

Die Lage einschätzen

Ein weiteres Problem: Die Entwicklung der Lage richtig einschätzen. Wenn die Flammen aus dem Zimmer schlagen schaut das schon spektakulär aus, aber wie schnell  entwickelt sich denn nun das Feuer weiter? Hier hilft es, wenn man sich zurücklehnt und einfach mal beobachtet, wie sich so ein Feuer ausbreitet. Da man diese Muße selten an der Einsatzstelle hat, kann man sich mit Videos behelfen. Schaut Euch einfach mal die folgenden Einsatzfilme an. Seht in welchen Zeitraum sich die Lage verändert und nutzt dieses Erfahrung um zukünftige Brände besser einschätzen zu können.

[youtube]kK6OR-0jKX0[/youtube]

[youtube]6A9v2qA9yYo[/youtube]

[youtube]PEmpHFUDCoA[/youtube]

[youtube]5RjNvFdlnkA[/youtube]

[youtube]DQnK6NNCNV[/youtube]

[youtube]UWDiuyZgBXs[/youtube]

[youtube]lkDvXIbGeQ8[/youtube]

[youtube]dKKJzzDn0iQ[/youtube]

Zügig aber nicht kopflos

Nicht, dass wir uns falsch verstehen. Mir geht es nicht um eine „Leck mich am Arsch“ Einstellung. Mir ist es nur wichtig, dass wir Feuerwehrleute unsere Standardaufgaben routiniert und zügig abarbeiten. Wenn man sich die Videos ansieht, erkennt man, dass sich die Lage des Feuers über viele Minuten kaum ändert. Hier hilft es also wenig, wenn man zu Lasten der Sicherheit Sekunden spart, die bei den meisten Einsatzlagen aber überhaupt nicht ins Gewicht fallen. Denn ob das offene Feuer nun drei Minuten länger oder kürzer brennt, ist bezogen auf die Brandausbreitung, oftmals egal.

11 Kommentare zu Brände richtig einschätzen und viel Nerven sparen

  1. Hallo,

    deinen Gedankengang finde ich nicht schlecht, jedoch vermitteln die Videos einen meines Erachtens falschen Eindruck. Es handelt sich in deinen gezeigten Videos rein um Brände in Plattenbausiedlungen. Ein Vergleich zu historisch eng gewachsenen Wohnhäusern älterer Bausubstanz kann man hier nicht ziehen.
    Aber deiner Kernaussage gebe ich absolut Recht. Ruhiges und überdachtes Handel ist das A und O. Hektik, schlimmer noch Panik, an der Einsatzstelle hat noch niemanden geholfen.

    Viele Grüße

  2. Hallo,

    ich halte einen ruhigen, geordneten und damit schnellen Einsatzablauf für einen der schwierigstens Punkte in jeder Einsatzstelle.
    Insbesondere dann, falls tatsächlich etwas passiert ist und nicht nur ein Keller ausgepumpt werden muss.

    Nehme ich mich selbst als Ausgangspunkt, so klappt das mit den ruhig bleiben recht lange. Falls ich aber Subjektiv das Gefühl bekomme, dass ich selbst deutlich langsamer als normal bin, so schlägt es verhätnismäßig schnell in Unruhe und Hektik um.
    Inzwischen kommt die Ursache dafür meist von aussen, dass heißt es ist entweder ein hektischer übergeordneter Führer, der mich nicht in Ruhe arbeiten läßt. Oder ein untergeordneter (Führer), der subjektiv gefühlt zu viele Kleinigkeiten nachfragt, so dass ich mit meinen eigenen Vorbereitungen in Verzug komme. Dabei stört mich ein hektisch arbeitener untergeordneter (Führer) der mich aber selbst in Ruhe vorbereiten und arbeiten läßt kaum, hier fällt es mir wesentlich leichter wieder Ruhe in das Chaos zu bringen.

    In letzter Zeit ist mir aufgefallen, dass mein eigene Führungsstruktur genau eine hektische Person verträgt. Das heißt ich kann es entweder ruhig hinnehmen, dass mein Gruppenführer hektisch ist, solange mein Truppmann ruhig bleibt. Oder ich nehme den hektischen Truppmann so hin, solange mein Gruppenführer ruhig bleibt. Sind beide hektisch, so bin ich das im allgemeinen auch.

    Vor diesem Hintergrund sind meiner Meinung nach alle Führungskräfte gefragt sich mit dem Thema auseinander zu setzen. Leider führt mehr Erfahrung nicht bei allen zwingend zu mehr Ruhe. Letztendlich muss es aber so sein, dass bei höherer Führungsposition auch mehr Ruhe ausgestrahlt wird. Dies erfordert eine gute Führungsstruktur und das Vertrauen in die untergeordneten Führungsstufen. Insbesondere Mikro-Managment und Führungsdurchgriffe sind für alle Beteiligten sehr kontraproduktiv.

  3. Hallo,

    ich denke, dass ein Gruppenführer, der Ruhe und Gelassenheit ausstrahlt, das Ganze auch auf seine Gruppe übertragen kann.
    Auch wenn der Führungsperson diese Ruhe fehlt, so kann man doch mit immer wieder kehrenden Übungen und Abläufen die Ruhe innderhalb der Gruppe trainieren.
    Wir versuchen z.B. die Abläufe der FwDv 3 (Einsatz mit Bereitstellung) immer wieder zu üben, damit 1. durch diese routinierten Abläufe Ruhe in die Gruppe kommt, denn jeder sollte dann wissen, was er genau zu tun hat.
    und 2. damit der Gruppenführer einfach mal kurz durchatmen kann und mit der sehr wichtigen Erkundung zu beginnen.

    mit Grüßen

  4. Hallo Connan, Hallo Solgull, danke für Eure Antworten

    @Conan

    Du hast natürlich recht, dass es auch Brände gibt die sich aufgrund anderer Bausubstanz schneller ausbreiten. Allerdings ist die Deutschland doch eher die Bauweise aus Beton, Ziegel, etc. anzutreffen und die dürften sich ähnlich verhalten wie die Plattenbauten.

    Wenn man merkt, dass alles doch schneller durchgeht muss der Einsatzleiter dann halt seine Taktik entsprechend anpassen.

    @Solgull

    Wünschenswert ist natürlich schon, dass mit aufsteigenden Positionen auch die Routine und die Ruhe zunimmt. Wenn jemand auch nicht ein notorische Hektiker ist, klappt das auch recht gut. Wenn man frisch zur Feuerwehr kommt sind die Einsätze doch noch spektakulärer, wie wenn man schon einige Jahre dabei ist.

    Schöne Grüße

    Florian

  5. Florian, bei der Brandausbreitung hast du recht. Aber was, wenn noch Personen im Gebäude sind. Dann können die drei Minuten entscheiden zwischen einem gesunden, bewusstlosen oder toten Menschen.

  6. Gerade, falls noch Personen im Gebäude sind muss die Mannschaft ruhig bleiben um alles sofort richtig zu machen. Du verlierst wesentlich mehr Zeit dadurch, dass du etwas vergessen hast – zum Beispiel eine Lampe – und erneut zum Fahrzeug rennst, als wenn du schon beim ersten mal alles zügig und in Ruhe mitgenommen hättst.

    Ruhig ist nicht gleich Langsam
    Hektisch ist nicht gleich Schnell

    Ruhig und Zügig ist Schnell
    Hektisch und Fehlerhaft ist Langsam

  7. Wichtig ist, dass man stabile Zustände erkennt und nutzt. Oft ist es gerade die Feuerwehr, die durch ihr Vorgehen eine Lage unüberlegt destabilisiert, zum Beispiel durch eine Türöffnung oder schlecht gewählte Angriffswege.

    Ich kann nur jedem das Buch „Falsche Taktik – große Schäden“ wärmstens empfehlen. Ich habe das Buch reichlich in meiner Einheit verliehen und bis jetzt waren vom Löschknecht bis zum Häuptling alle sehr angetan. Müsste eigentlich Pflichtlektüre für alle sein.

  8. Zum Thema Ruhe bewahren: Hier in der Gegend wird oft folgender Satz zitiert: „Langsam Leut‘, wir ham’s eilig!“ Der trifft es finde ich ganz gut.

    Ein allgemeines Probem, das ich festgestellt habe ist folgendes:
    Einsätze gehen ganz oft schief [1], weil zwar gut ausgebildetes Personal da ist, aber einzelne Personen, Einheiten oder Feuerwehren es nicht sind. Die sind das schwächste Glied in der Kette. Bedeutet für mich, dass ganz viele Anstrengungen in Aus- und Fortbildung umsonst sind, wenn nicht ausnahmslos alle, die an so einem Einsatz beteiligt sein können, wenigstens einigermaßen gut ausgebildet sind:

    Heißt natürlich nicht, dass man es deswegen lieber gleich lassen soll. Heißt vielmehr, dass penibel darauf geachtet werden muss, dass es keine „schwarzen Schafe“ gibt.

    [1]: Und damit meine ich nicht, dass jemand wegen eines „vermurksten“ Einsatzablaufes zu Schaden gekommen ist, sondern z.B. ein deutlich größerer Schaden entstanden ist, als er der (vollständigen) Ausgangslage „angemessen“ wäre.

  9. Der Ansatz den du beschreibst ist sehr gut. Ich denke das die Ausbildung und das ewige Trainig der Mannschaft und der Gruppenführer hierbei das wichtigste ist. Wir haben bei uns in der Feuerwehr ein Standartverfahren erarbeitet das es ermöglicht mit einer Staffel, bzw. Gruppe 3 min. nach dem Befehl mit Wasser am Rohr an der Rauchgrenze zu stehen.

    Das schaut so aus:

    Auf der Anfahrt rüstst sich der Angriffstrupp mit PA und der benötigten Ausrüstung aus.

    An der Einsatzstelle verlässt der Fahrzeugführer das Fahrzeug und führt seine Erkundung in den 4 Phasen durch, 1. Frontalansicht, 2. Blick in das Gebäude. 3. Einmal rund um das Gebäude gehen um auch die Rückseite gesehen zu haben, 4. die Befragung von Personen um noch genauere Infos zu bekommen. Dann macht sich der Fahrzeugführer gedanken wie es laufen soll. Meistens ist der Angriffsweg der bauliche, sprich über den Treppenraum.
    Das alles dauert etwa 2-3 min, so viel Zeit darf man sich nehmen.

    In dieser Zeit beredet die Besatzung des Fahrzeuges wer was grob macht im jeweiligen Trupp, einer Verteiler setzten, der nächste nimmte den Tragekorb mit dem Rauchverschluss, Angriffstrupp noch ne Axt und das Schlauchpaket.

    Der Fahrzeugführer lässt seine Besatzung absitzen und weist sie in die Lage ein, der Angriffstrupp bekommt seinen Befehl, die Atemschutzüberwachung liegt beim Maschinist, sie wurde von dem Trupp während der Anfahrt ausgefüllt, er muß nur noch die Uhr starten.

    Dann sollte man die jungs arbeiten lassen und den nächsten Fahrzeugführer bzw. den Einsatzleiter in die Lage einweisen. meistens meldet der Angrifftrupp dan nach etwa 5- 10 min. Feuer aus….

    Der Sicherheitstrupp wird wenn man mit ner Gruppe unterwegs ist durch den Wassertrupp gestellt, ansonsten vom zweiten LF was auch kommt.
    Die Wasserversorgung sparen wir uns in den ersten 5 min. da wir entweder 1600 Liter oder 2400 Liter Wasser im Fahrzeugtank haben. Die kann sich der Maschinist mit der EPH selbst legen, oder der Sicherheitstrupp hilft ihm dabei, hier ist mitdenken und Absprache wichtig.

  10. hi,

    was sagt uns das eigentlich, wenn flammen aus dem raum herausschlagen?
    ich sehe in allen videos brände mit ausreichend sauerstoffzufuhr, also vollbrände bzw. brände, die ihren zenit erreicht oder überschritten haben. wenn man nun aber brände als beispiel nehmen würde, auf denen nur rauch zu sehen wäre, könnte man die sache interessanter gestalten.
    an welcher feuerwehrschule wird man denn diesbezüglich ausgebildet?

    mfg michele

  11. Servus Kameraden,

    kann mich den Gedanken der Anderen nur anschließen- Hektik ist sehr oft der Vater aller Fehler. Ein Schlüsselfaktor ist immer das Team- ist es eingespielt/ kennen sich die Leute, bleibt es in aller Regel ruhiger, da man sich „blind“ versteht. Ist das Team jedoch zusammengewürfel, und vor Ort eine Lage, bei der Passanten schon die Hektik transportieren und einen unter Druck setzen (so macht doch was…) dann kommt es wesentlich auf den (Gruppen)Führer an, Ruhe auszustrahlen und durch klare verbindliche Anweisungen dafür zu sorgen, dass Routineaufgaben eben genau auch diese Routine bleiben. Spannend genug bleibt ja ohnehin die aktulle Lage- abeits jeder Routine. Wenn z.B. bei einem Gartenhüttenbrand die Propangasflasche abbläst, sieht man erst, was „Routine“ ist… Bei allem Anspruch an uns: Als Freiwillige sind wir dennoch professionelle Amateure, wie es mal ein Zuschauer bei einer Übung durchaus anerkennend, aber wie ich meine, im Kern treffend, äußerte. Lassen wir also alle 5 gerade und sind froh, dass immer noch genüged Menschen bereit sind, helfen zu wollen. Und nachher, mit Abstand, sind ohnehin alle immer schlauer, v.a. Passanten. Diese sind jederzeit herzlich eingeladen, dem Motto des LFV Bayern zu folgen „Keine Ausreden- mitmachen!“

    Kam. Grüße

    Markus

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