Abschlussbericht eines dramatischen Einsatzes in Bad Harzburg

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Bildquelle: Holger Schlegel (Goslarsche Zeitung)

Unfall- und Abschlussberichte von Einsätzen gibt es meiner Meinung nach viel zu wenig. Sicherlich ist es für die Betroffenen, insbesondere bei Todesfolge, nicht immer einfach über die Geschehnisse zu reden. Zudem steht die Feuerwehr auch im Mittelpunkt der Öffentlichkeit. Probleme und Fehler einzugestehen fällt da nicht immer leicht. Trotzdem sind diese Berichte für alle anderen Feuerwehren eine sehr gute Grundlage um die mögliche Fehler und Risiken zu erkennen und Gegenmaßnahmen einzuleiten. Die Freiwillige Feuerwehr Bad Harzburg zeigt wie man aus dramatischen Einsätzen lernen kann und ist damit vielen Feuerwehren voraus. Ein Zitat von Philip Rosenthal sagt es sehr schön: „Wer aufhört besser zu werden, hat aufgehört gut zu sein„.

Den kompletten Abschlussbericht des Einsatzes in der Bismarckstraße 35 kann man sich auf FF Bad Harzburg im PDF Format herunterladen. Für die Veröffentlichung der Bilder danke ich Holger Schlegel von der Goslarschen Zeitung.

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Im folgenden werde ich auf die wichtigsten Punkte des Abschlussberichts eingehen.

Vorabinfo Bad Harzburg

Die Stadt Bad Harzburg liegt im Landkreis Gosslar in Niedersachen und hatte Ende 2007 24.382 Einwohner. Die Freiwillige Feuerwehr ist wie folgt gegliedert:

Schwerpunktfeuerwehr (65 Feuerwehrangehörige)

  • Bad Harzburg (ELW1, MTW, TLF 16/25, TLF4000/200, LF16,  LF 8/S, LF 8, DLK 23-12, RW 2)

Stützpunktfeuerwehren (56 und 50Feuerwehrangehörige)

  • Bündheim (MTW, MZF, TLF 16/24T, LF 8, LF 8, GW-Öl)
  • Harlingerode (ELW 1, MZF, TLF 16/25, LF 8)

Feuerwehren mit Grundausstattung (28 und 21 Feuerwehrangehörige)

  • Bettingerode (MTW, TLF 16/25)
  • Westerode (MTW, LF 8)

Aus der Ferne betrachtet ist die Fahrzeugausstattung und Personalstärke für eine 25.000 Einwohner Stadt gut bis sehr gut. Bei insgesamt 220 Feuerwehrangehörige kommt auf jeden 110ten Einwohner ein Feuerwehrangehöriger. Jährlich werden durch die Freiwillige Feuerwehr Bad Harzburg knapp 270 Einsätze abgearbeitet.

Was die Professionalität angeht so ist die FF Bad Harzburg sicherlich auf sehr hohem Niveau. Wenn man sich nur einige Downloads anschaut erkennt man sofort, dass sich die Feuerwehrangehörigen mit der Materie sehr gut auseinander setzten und schon im Vorhinein sehr gut planen und organisieren.

Ein Schmankerl ist sicherlich die Alarm- und Ausrückeordnung. Während manche Feuerwehrler wohl garnicht wissen dass es sowas überhaupt gibt haben es die Harzburger sauber ausgearbeitet, inklusive Funkkonzept.

Der Einsatz

Bildquelle: Holger Schlegel (Goslarsche Zeitung)

Bildquelle: Holger Schlegel (Goslarsche Zeitung)

Bei dem Brandobjekt handel es sich um ein dreistöckiges Gebäude dass in Holzbauweise errichtet wurde. Beim Eintreffen des ersten Löschzuges schlagen Flammen meterhoch aus der Erdgeschosswohnung. Es droht ein Flammenüberschlag auf die oberen Stockwerke. Im Oberschoss befinden sich noch zwei Kinder denen der Rückweg abgeschnitten ist.

Insegesamt wuredn bei dem Brand fünf Personen in Krankenhäuser eingeliefert. Drei davon wurden schwer verletzt.

Im Rahmen der dramatischen Rettungsaktion geriet der Atemschutztrupp selbst in eine Notfallsituation.

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Wichtige Erkenntnisse aus dem Harzburger Abschlussbericht

Standard-Einsatz-Regeln (SER)

Ist aus meiner Sicht das A und O um Einsätze professionell abarbeiten zu können. Die SER definieren schriftlich Standardszenarien (Brand, VU, Atemschutz, BMA, etc.) und gewährleisten hierdurch dass ein gleicher Wissensstandard in der Mannschaft vorhanden ist. Auch wenn jeder Einsatz anders ist, so gibt es allen Beteiligten eine große Routine wenn 60 – 80 % der anfallenden Tätigkeiten standardmäßig abgearbeitet werden können.

Die SER sind übrigens kein Hexenwerk. Im Internet finden sich dutzende von fertigen Dokumente die nur an die örtlichen Gegebenheiten angepasst werden müssen.

Die SER Brandeinsatz der FF Harzburg.

Anleiterbereitschaft

Anleiterbereitschaft der Drehleiter

Bildquelle: Holger Schlegel (Goslarsche Zeitung)

Auch wenn die Drehleiter nicht für die Brandbekämpfung oder Personenrettung benötigt wird sollte sie vor dem betroffenen Gebäude ausgefahren in Stellung gehen. Hierbei sollte eine möglichst große Abdeckung der Gebäudefront erreicht werden. Wenn sich, wie vorliegendem Einsatzbericht, innerhalb einer Minute die Situation dramatisch verschlechtert, kann die Drehleiter der letzte Ausweg aus brenzligen Situationen sein. Wenn diese dann nicht bereits in Anleiterbereitschaft ist gehen wertvolle Minuten verloren.

Drillmäßige Ausbildung

Der Einsatz zeigt unter welcher extremen psychischer und physicher Belastungen der Angriffstrupp stand:

  • Rettung von Kindern aus absoluter Lebensgefahr
  • Plötzliche Verschlechterung der Lage durch massiven Rauch und heiße Brandgase
  • Nullsicht
  • Kein Funkkontakt
  • Verlust des Teampartners
  • Verlegung der Handschuhe (Verbrennungen an den Händen)

Nur durch drillmäßiges Handeln kann so eine Lage beherrscht werden. Dazu reicht es nicht 2x im Jahr in aller Seelenruhe sich Atemschutz aufzuziehen und ein bißchen in der Gegend rumzumarschieren.  Bereits während der Ausbildung muss Stress erzeugt und erfolgreich bekämpft werden.

Dies erreicht beispielsweise bei der Atemschutzübung durch

  • Ausrüsten und Retten auf Zeit. So muss beispielsweise ein Atemschutztrupp innerhalb von 120 Sekunden komplett ausgerüstet sein (und zwar richtig, mit Kontrolle und allem was dazu gehört)
  • Atemschutztraining unter Nullsicht, d.h. die Masken der Atemschutztrupps sind immer komplett verklebt
  • Üben bis zum bitteren Ende. Bei der Atemschutzausbildung der FF München war eine Geräteträgerübung bei den folgenden zwei Situationen zu Ende. Entweder die Personen waren gerettet und der Brand bekämpft oder die Atemluft ging zur Neige. Man hat bei dieser Ausbildung gelernt an seine Grenzen zu kommen und ist auch oftmals daran gescheitert. Es war keine Seltenheit dass die Trupps in den Übungen massenweise „umgekommen“ sind. Dies hat allerdings jeden gezeigt wir gefährlich der Atemschutzeinsatz ist. Andererseits habe ich auch oft Übungen gesehen wo der Übungsleiter Tipps gibt. So werden die Übungsopfer erstaunlich schnell gefunden und wenns mal anstrendend wird hilft der Verletztendarsteller etwas mit. Ein solches Training zeigt weder den Betroffenen noch den Verantwortlichen die Schwachstellen auf und führt somit zu einem Unterschätzen von Einsatzsituationen.

Restrukturierung des Einsatzes

Bildquelle: Holger Schlegel (Goslarsche Zeitung)

Bildquelle: Holger Schlegel (Goslarsche Zeitung)

Wenn sich die Situation im Laufe des Einsatzes massiv ändert oder grundsätzlich eine alternative Strategie gefahren werden soll, macht es Sinn erstmal den Einsatz abzubrechen. Dies habe ich im Rahmen eines Brandes letztes Jahr mit großem Erfolg selbst erlebt und ähnlich wurde auch in Bad Harzburg verfahren. Der Einsatzleiter kann dann in einer kurzen Ruhephase den Einsatz neu strukturieren und organisieren. Keinesfall sollten Führungskräfte aus falschen Stolz den Einsatz blind weiterführen da eine verkorkste Situation nur noch verschlimmert wird und der schnelle Einsatzerfolg leidet.

Fazit

Eine gute Ausbildung und schlüssige Einsatzkonzepte die im Vorhinein durchgeführt und trainiert werden sorgen dafür, dass auch gefährliche Siuationen erfolgreich gemeistert werden. Die Freiwillige Feuerwehr Bad Harzburg hat gezeigt wie sie Ihre Theorie erfolreich in die Praxis umgesetzt hat und dies auch unter dramatischen Bedingungen.

Weitere Informationen zum Einsatz in Bad Harzburg

1 Kommentar zu Abschlussbericht eines dramatischen Einsatzes in Bad Harzburg

  1. Ohne jemandem zu nahe treten zu wollen, bei uns in Bayern ist kein „TLF 4000/200“ genormt =)

1 Trackbacks & Pingbacks

  1. Der Feuerwehr-Blog feuerwehrleben.de feiert Geburstag | feuerwehrleben.de

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